Travel – Lissabon

Nun, das Leben verläuft nicht so, wie du es dir vorstellst. Es geht seinen Weg. Und du deinen. Und das ist nicht derselbe Weg. So ist das. Es ist nicht so, dass ich unbedingt glücklich sein wollte, das nicht gerade. Ich wollte… mich retten, ja: mich retten. Aber ich habe erst spät begriffen, auf welche Seite man sich schlagen muss: auf die Seite der Sehnsüchte. Man erwartet eigentlich, dass es andere Dinge sind, durch die Menschen gerettet werden können: Pflichterfüllung, Ehrlichkeit, gut sein, gerecht sein. Nein. Es sind die Sehnsüchte, die einen erretten. Sie sind das einzig Wahre. Bist du auf ihrer Seite, wirst du dich retten.

Wir brauchen Sehnsüchte, nach Menschen in unserer Nähe, nach Orten und Ländern. Mich hat es dieses Jahr ans Meer gezogen. Schon ganze vier Jahre ist es her, dass ich das letzte Mal am Meer war. Und dieses Jahr war die Sehnsucht wirklich groß. Nach dem unendlichen blau wenn man gen Horizont blickt, das warme Gefühl unter den nackten Füßen, wenn man über den Sand läuft. Lange Spaziergänge mit absoluter Stille, bis auf das ausnahmslos beruhigende Geräusch der Wellen.

Eigentlich hatten wir einen Städtetrip geplant und es sollte nach Barcelona gehen. Irgendwie – durch einige Zufälle und dem Wunsch nach einer unbekannten Stadt, in einem Land, in dem wir noch nicht gewesen sind, ging es dann nach Lissabon. Und es hätte absolut nicht besser sein können! Lissabon ist ganz eigen, irgendwie anders als die typischen Städte, die man bisher so besucht hat. Es gab einiges zu entdecken und trotz Hauptstadt und dem typischen Gewusel, habe ich mich selten im Urlaub so entschleunigt gefühlt.

Da rennt keiner an dir vorbei, weil er dringend zur Bahn muss. Die Touristen sind einem auch kaum aufgefallen. Den einen Tag sind wir die Atlantikküste raufgefahren nach Cascais. Wir sind lang am Meer gewandert, haben wunderschöne Buchten gesehen und ein wunderschönes Plätzchen zum schwimmen gefunden. Niemand war dort, an dem kleinen Sandstrand mit Schloss im Hintergrund und Leuchtturm und Felsen, dort wo die Bucht im Meer mündete. Eisig kalt war es allerdings!

Wovon sprechen wir, wenn wir «Meer» sagen? Sprechen wir von dem mächtigen Ungeheuer, das alles zu fressen imstande ist, oder von der Welle, die perlend unsere Füße umschäumt? Vom Wasser, das man in der hohlen Hand halten kann, oder von dem für niemanden sichtbaren Abgrund? Sagen wir alles mit dem einen Wort, oder verbergen wir alles in dem einen Wort?

Wir haben eine ganze Weile auf den Felsen gesessen und einfach dem Rauschen der Wellen zugehört. Es war so ruhig – die gestillte Sehnsucht nach Meer.

Zitate: Oceano Mare, Alessandro Baricco